Seminar / Workshop

Interpretationsvergleich

Aufbauseminar I

Spannende Höranalysen lassen uns Gestaltungsprinzipien entdecken und für das eigene Spiel nutzen

 

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Durch das Internet und kostenloses Musik-Streaming, durch Youtube & Co steht uns heute ein großer Teil von allen jemals eingespielten Aufnahmen zur Verfügung. Gleichzeitig werden immer neue Aufnahmen produziert und teils mit enormem Aufwand vermarktet. Von Meisterwerken existieren oft mehr als hundert verschiedene Einspielungen und die Anzahl wächst stetig. In der Anfangszeit der Schallplatte wurden Aufnahmen nicht selten in ritualisierter Form angehört, z.B. am Abend im Familienkreis. Der Rezeptionsprozess bekam durch diese würdigende Form eine besondere Bedeutung. Während die Schallplattenaufnahme selbst aufgrund des hohen Produktionsaufwandes bereits ein Indiz für eine hochwertige Interpretation sein konnte, ist es heutzutage fast jedem Musiker mit etwas finanziellem Engagement möglich, eine eigene Aufnahme zu produzieren und sich in die Riege der großen Interpreten einzureihen. Die ständige Verfügbarkeit von Musik, die Vermischung von guten und weniger guten Interpretationen und die permanente Beschallung, sei es im Fahrstuhl, im Supermarkt oder bei der Arbeit, bleiben nicht ohne Auswirkung auf unser Hörverhalten. Es scheint schwerer geworden zu sein, sich aktiv in Musik zu versenken, sich auf das zu konzentrieren und das in sich aufzunehmen, was gerade erklingt, denn die Gefahr von Ablenkungen und Unterbrechungen ist beim Hören von Aufnahmen allgegenwärtig. Die im Laufe der letzten Jahrzehnte explosionshaft angestiegene Zahl an Einspielungen zieht Konsequenzen nach sich: es scheint oft weniger um das Werk selbst, als um den Interpreten zu gehen. Dass die Interpretation und damit der Interpret selbst in der öffentlichen Wahrnehmung einen Rang besitzen, der dem des Komponisten entspricht oder diesen gar überstrahlt, mag zu denken geben. Andererseits ist es auch verständlich, dass der Kauf einer Aufnahme der 5. Sinfonie von Beethoven in erster Linie vom Interpreten abhängt, nicht vom Werk selbst, das lange schon zum allgemein bekannten Kulturgut geworden ist: man kennt die Sinfonie und erhofft sich, das Werk durch die Einspielung neu entdecken, neu erleben zu können. Die Vielfalt von Einspielungen unterstreicht den Reichtum und die Vieldeutigkeit von Werken und spricht für ihre Lebendigkeit, ihre Zeitlosigkeit. Der Geist des Werkes kann sich in unterschiedlichen Interpretationen äußern. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Interpretation auch den Geist des Werkes freilegt. Es scheint Interpretationen zu geben, die dem Geist des Werkes schlicht mehr entsprechen als andere. Dabei kann eine mit unzähligen Spielfehlern behaftete Live-Aufnahme von 1962 viel dichter an der Intention des Werkes liegen, viel mehr rühren und erschüttern als eine blank polierte, äußerlich makellose, aber letztlich blasse, aussageschwache neue Studioaufnahme. Der Begriff der „Qualität“ ist oft zu eng gefasst: da geht es um „Aufnahmequalität“, um „Spielqualität“, aber wenig um die für das Erleben entscheidende „Ausdrucksqualität“. Der beste Weg, sich dem Geist eines Werkes zu nähern, ist natürlich, es intensiv zu studieren und oft auf der Bühne zu spielen. Das ist natürlich nicht immer möglich. Der Vergleich verschiedener Interpretationen aber lässt uns den Geist erahnen. Die Bewertungskompetenz, die sich durch Interpretationsvergleiche einstellt, dient keinem Selbstzweck und auch keiner besserwisserischen Zurschaustellung von Hörerfahrung. Vielmehr führt sie zu einer hochgradigen Verfeinerung der musikalischen Wahrnehmung und inspiriert das eigene künstlerische Tun. Hören ist nicht gleich Hören. Beim Vergleich von Aufnahmen analysieren wir verschiedene Aspekte musikalischer Gestaltung, verändern die Hörperspektive und nehmen in Abgrenzung zueinander jede Interpretation in ihrer Individualität wahr. Wir extrahieren Gestaltungsmittel und machen sie damit für unser eigenes Gestalten nutzbar.