Modul III - Balancieren

Einführungsseminar

In den Modulen I und II wurde dargelegt, mit welchen Methoden wir ein Stück sicher auswendig und im Originaltempo spielen lernen. Im nächsten Schritt widmen wir uns der klanglichen Ausarbeitung seiner Mehrstimmigkeit.

Im Zusammen- und Wechselspiel von verschiedenen Stimmen liegt unerschöpfliches Gestaltungspotential. Wir können die Klavierliteratur hinsichtlich ihrer Mehrstimmigkeit am ehesten mit Orchesterliteratur vergleichen. Aus einem Orchesterklang hören wir mühelos verschiedene Instrumente heraus. Die unterschiedlichen Klangfarben beispielsweise von Klarinetten und Violinen oder von Fagotten und Celli machen es uns einfach, die verschiedenen Instrumentengruppen in einem transparenten Gesamtklang wahrzunehmen. Am Klavier allerdings ist es weniger einfach, die verschiedenen Stimmen voneinander zu trennen und als eigenständige Linien hörbar zu machen. Allzu leicht vermischen sie sich zu einer konturlosen Klangmasse. Erst durch dynamisch klar voneinander abgegrenzte Stimmen erzielen wir einen durchsichtigen, geschliffenen Klang.
Im Kurs „Balancieren“ lernen wir, wie wir zu solch einem kontrastreichen und transparenten Klangbild gelangen.

Räumliche Visualisierung von Stimmen
Dynamische Angaben innerhalb des Notentexts beziehen sich in der Regel auf den Gesamtklang, die dynamische Umgebung. Unsere Aufgabe besteht darin, die verschiedenen Stimmen dynamisch so zu hierarchisieren, dass der gewünschte Klangcharakter hörbar wird. Eine räumlich-assoziative Darstellung verhilft uns zu einer plastischeren Klangvorstellung und dient uns als Grundlage für die folgenden Übemethoden.

Dramaturgisches Konzept
Meistens sind die verschiedenen Stimmen in einem Klavierstück nicht zu jeder Zeit gleich bedeutend. Wir haben uns also zu überlegen, wann welche Stimme wie gewichtig ist. Und noch mehr: in welcher Weise interagieren die Stimmen miteinander? Wie Protagonisten eines Theaterstückes können sie sich ergänzen, unterstützen, unterbrechen, sich bestätigen, aufeinander eingehen usw.. Im Kurs erproben wir eine Reihe von Vorgehensweisen, mit deren Hilfe wir bei unseren Schülern ein Verständnis für musikalische Rhetorik wecken und sie zu beredterem, lebendigerem Spiel anleiten können.

Die Entwicklung eines dramaturgischen Konzepts, eines „Drehbuches“, das die verschiedenen Stimmen hierarchisiert und in Beziehung zueinander setzt, ist die Voraussetzung, um zum nächsten Schritt, der Umsetzung am Instrument, voranzuschreiten.

Zusammenklangsmethode
Mit Hilfe der „Zusammenklangsmethode“ setzen wir Klangbilder in drei Arbeitsstufen am Instrument um. Durch Üben mit dieser Methode erlangen wir die Fertigkeit, verschiedene Stimmen in einem Stück beliebig hervorheben zu können, selbst innerhalb von Akkorden, die mit einer Hand gespielt werden.

Im Kurs entwickeln wir nicht nur eigene dramaturgische Konzepte, sondern lassen uns von meisterhaften Interpretationen inspirieren. Mit Hilfe der gelernten Methoden und Techniken versuchen wir, Elemente dieser Klangbilder am Klavier nachzuzeichnen.
Ebenso wie bei anderen Modulen steht auch hier die praktische Anwendung der Kursinhalte im Mittelpunkt. Wir lernen, kontrastreiche und ausdrucksstarke Klangbilder zu zeichnen und verfeinern durch Interpretationsanalysen unsere musikalische Wahrnehmung.
Die Schwarz-Weiß-Methode, die Raum-Methode und die Klangebenen-Methode sind die wichtigsten drei Methoden im Lerngebiet Balancieren.